13 March 2026, 20:02

"Sancta" an der Staatsoper Stuttgart: Ein radikales Spektakel über Glaube und Rebellion

Ein Gemälde namens 'Tanz an der Oper' von Edgar Degas, das eine Frau in einem grünen Kleid zeigt, die anmutig auf der Bühne tanzt, umgeben von einer Gruppe von Menschen im Hintergrund, mit leuchtenden Farben und sichtbaren Pinselstrichen, um Bewegung und Energie zu vermitteln.

"Sancta" an der Staatsoper Stuttgart: Ein radikales Spektakel über Glaube und Rebellion

Eine radikale Neuinszenierung: Sancta kommt im Herbst an die Staatsoper Stuttgart

Dieses Herbst bringt die Staatsoper Stuttgart eine radikale Neuinterpretation auf die Bühne: Sancta, eine freche Neuerfindung von Paul Hindemiths 1921 verbotenem Einakter Sancta Susanna – ein einst skandalumwittertes Werk über die verbotenen Begierden einer Nonne. Nun kehrt die umstrittene Geschichte zurück, angereichert mit einer explosiven Mischung aus Liturgie, Performance-Kunst und extremem physischen Theater.

Die Vorstellung findet am 3., 4. und 5. Oktober statt, mit weiteren Aufführungen am 1. und 2. November. Während die Tickets für November bereits ausverkauft sind, gibt es für die Oktober-Termine noch Plätze.

Sancta entstand als künstlerische Wiedergutmachung. 1921 wurde Hindemiths Originalwerk Sancta Susanna – ein Einakter, der die sexuelle Sehnsucht und gewaltsame Bestrafung einer Nonne zeigt – von ebenjener Stuttgarter Oper abgelehnt. Ein Jahrhundert später belebt die Regisseurin Florentina Holzinger das Stück neu, erweitert es um katholische Rituale, neue Musik und rohe körperliche Darstellungen. Herausgekommen ist eine packende Erkundung von Glaube, Scham und Befreiung, inszeniert als eine wilde, gemeinschaftliche Feier der Selbstbestimmung.

Dirigentin Marit Strindlund stieg auf Einladung von Stuttgarts Opernintendant Viktor Schoner in das Projekt ein, nachdem dieser sie bat, Holzingers Operndebüt zu leiten. Strindlund kannte bereits Holzingers mutigen Stil, besonders nach deren provokanter Performance-Kunst Ophelia's Got Talent in Berlin. Für Sancta musste sie sich jedoch auf eine steile Lernkurve einstellen: Holzingers unkonventionelle Bilderwelten, experimentelle Methoden und ein Arbeitsprozess, der mit traditioneller Oper wenig gemein hat, stellten sie vor neue Herausforderungen.

Die Premiere zeigte, wie intensiv diese Produktion wirkt. Die Reaktionen des Publikums waren so heftig, dass 18 Zuschauer während der Vorstellung wegen psychischer Belastung medizinisch versorgt werden mussten. Strindlund jedoch steht zum Chaos. Sie beschreibt Holzingers Kunst als zutiefst inklusiv – als etwas, das herausfordert, unterhält und gleichzeitig zwingende Gespräche anstoßen kann.

Im Kern dreht Sancta den Spieß um: Jahrhundertelange Ausgrenzung wird hier auf den Kopf gestellt. Die Inszenierung rückt Frauen ins Zentrum und erobert damit einen Raum zurück, der ihnen in der Kirchengeschichte und christlichen Erzähltradition lange verwehrt blieb.

Die Stuttgarter Produktion von Sancta sprengt Grenzen – sowohl in der Form als auch im Inhalt. Mit ihrer Vermischung von Sakralem und Profanem fordert die Inszenierung Aufmerksamkeit, und zwar nicht nur wegen ihres Provokationspotenzials, sondern wegen ihrer kompromisslosen Neudefinition von spirituellem und künstlerischem Ausdruck. Wer eine der verbleibenden Oktober-Vorstellungen besucht, darf sich auf ein Erlebnis gefasst machen, das noch lange nach dem Fall des Vorhangs nachwirkt.

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