Mainz inszeniert Die Dreigroschenoper als düstere U-Bahn-Fabel mit beißendem Witz
Luitgard RitterMainz inszeniert Die Dreigroschenoper als düstere U-Bahn-Fabel mit beißendem Witz
Das Staatstheater Mainz inszeniert Die Dreigroschenoper in einer mutigen Neuinterpretation
Unter der Regie von Jan Neumann verwandelt das Mainzer Staatstheater die Bühne in eine düstere U-Bahn-Station und bewahrt dabei Bertolt Brechts scharfe Kapitalismuskritik unangetastet. Schon vor dem Betreten des Saals stimmt die mit Namen und Zitaten aus dem Stück illuminierte Fassade des Theaters auf die düstere Atmosphäre ein.
Im Mittelpunkt steht Mackie Messer, ein berüchtigter Verbrecher, der sich durch Londons Unterwelt schlängelt. Mit Verbindungen zum Polizeichef und einem florierenden Bettlerimperium verkörpert er den schwarzen Humor und die moralische Ambivalenz des Stücks. Eine der bekanntesten Zeilen – "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" – bringt Brechts Gesellschaftskritik und ihre Heucheleien prägnant auf den Punkt.
Auf der Bühne verschmelzen Schauspiel und Musik zu einem mitreißenden Ganzen. Henner Momann verleiht Mackie Messer als ruheloser Antiheld Bodenhaftung, während Anika Baumann in mehreren Rollen mit Witz und Tiefe glänzt. Ein Sopran-begabter Bettler trägt Die Moritat von Mackie Messer vor – ein Moment, der das Publikum atemlos zurücklässt. Auch vor selbstironischen Spitzen gegen Brecht selbst schreckt das Ensemble nicht zurück: Seine revolutionären Ideale stehen hier seinen kommerziellen Erfolgen gegenüber.
Neumanns Regie spielt bewusst mit dieser Spannung und webt metatheatrale Kommentare in die Handlung ein. Das Ergebnis ist eine Inszenierung, die zugleich klassisch und modern wirkt – eine Hommage an das Original, die dessen Erbe zugleich spielerisch hinterfragt. Lieder wie Die Seeräuber-Jenny haben nichts von ihrer Kraft eingebüßt; ihre Themen hallen fast ein Jahrhundert später ungebrochen nach.
Vier weitere Vorstellungen sind für 2025 geplant, mit Ticketpreisen zwischen 17,50 und 45,50 Euro inklusive Getränkegutschein. Die Mischung aus beißender Satire, herausragenden Darstellungen und erfinderischer Bühnenbildner macht diese Neuauflage eines Meisterwerks des 20. Jahrhunderts zu einem lebendigen Erlebnis. Die Zuschauer verlassen den Saal mit Brechts Provokationen – und dem einen oder anderen Lachen –, die noch lange nach dem Fall des Vorhangs nachwirken.