Kratzers radikale Staatsoper-Premiere spaltet und begeistert Hamburg
Klemens GorlitzKratzers radikale Staatsoper-Premiere spaltet und begeistert Hamburg
Tobias Kratzer setzt als neuer Intendant der Hamburger Staatsoper ein kühnes Statement. Seine Inszenierung von Das Paradies und die Peri bricht mit theaterüblichem Konventionen und geht moderne Themen direkt an. Die Premiere erntete sowohl begeisterten Applaus als auch vereinzelte Buhrufe – doch am Ende brandete der Beifall durch den Saal.
Die Produktion ist Teil von Kratzers übergreifender Vision für die Spielzeit 2025/26, die ungewöhnliche Kombinationen aus klassischen und zeitgenössischen Werken vorsieht – von Schumann bis hin zu Uraufführungen wie Monster's Paradise.
Kratzer reißt von Beginn an die vierte Wand ein: Die Darsteller sprechen das Publikum direkt an und ziehen es so ins Geschehen hinein. In einer Szene klettert die Sopranistin Vera-Lotte Boecker, in der Rolle der Peri, sogar über die Zuschauerreihen und setzt sich neben eine weinende Besucherin. Der Effekt ist intensiv und verwischt die Grenze zwischen Bühne und Realität.
Der Regisseur verleiht Schumanns Oratorium von 1843 zudem eine radikale zeitgenössische Note. Der dargestellte Krieg tobt zwischen modernen Zivilisten, angeheizt von einem weißen Hetzer. Der sterbende junge Mann – ein schwarzer Widerstandskämpfer, der sich dem Anführer widersetzt – wird zum mächtigen Symbol des Aufbegehrens. Im dritten Akt dominieren Themen der Klimakrise und verknüpfen das Werk des 19. Jahrhunderts mit den drängenden Debatten unserer Zeit.
Dirigent Omer Meir Wellber, der neue Generalmusikdirektor der Oper, führte die Philharmoniker Hamburg zu einer mitreißenden Interpretation. Sein temporeiches Dirigat unterstrich die Intensität der Inszenierung und fand bei der Kritik großen Anklang.
Mit dieser Premiere startet eine Spielzeit mit selbst kuratierten Musiktheaterabenden. Neben Das Paradies und die Peri können sich die Zuschauer auf Herzog Blaubarts Burg in Kombination mit Werken von Bartók und Zemlinsky freuen sowie auf Neuproduktionen wie Frauenliebe und -sterben. Kratzer hat angekündigt, das Opernhaus für ein breiteres Hamburger Publikum zugänglicher zu machen, auch wenn konkrete Vermittlungsformate noch in der Entwicklung sind.
Die provokante Herangehensweise der Produktion spaltete zwar einige Zuschauer, doch die Mehrheit reagierte begeistert. Kratzers Mischung aus politischem Kommentar und theatralischer Innovation setzt einen klaren Kurs für seine Amtszeit. Mit einer Kombination aus neu interpretierten Klassikern und mutigen Neuschöpfungen wird die Spielzeit 2025/26 der Hamburger Staatsoper herausfordern und faszinieren.