Wie ein Ballett Rudolf Nurejews dramatisches Leben und die Zensur in Russland entfacht
Tassilo HeßWie ein Ballett Rudolf Nurejews dramatisches Leben und die Zensur in Russland entfacht
Ein mutiges Ballett zu Ehren von Rudolf Nurejews dramatischem Leben feierte 1995 am Berliner Staatsballett Premiere. Die Produktion, Jahre nach seinem Tod entstanden, spiegelt sowohl sein künstlerisches Genie als auch die Kontroversen wider, die sein Erbe umgeben. Fast drei Jahrzehnte später entfacht das Werk weiterhin Debatten über Zensur und künstlerische Freiheit.
Rudolf Nurejew starb 1993 in Paris an den Folgen von AIDS. Zwei Jahre später wurde sein persönlicher Nachlass versteigert – darunter männliche Akte alter Meister, Thonet-Stühle, Sofas von Maria Callas und mit Goldfäden durchwirkte Kostüme. Diese Gegenstände flossen später in das Bühnenbild des Balletts Nurejew ein, einer visuellen Hommage an sein extravagantes Leben.
Das Ballett zeichnet Nurejews Weg nach: von seiner Ausbildung bei Alexander Puschkin an der Waganowa-Ballettakademie in Leningrad bis zu seiner Flucht nach Frankreich. Der Choreograf Juri Possochow, in Luhansk geboren und heute US-Bürger, schuf die Produktion gemeinsam mit dem Regisseur Kirill Serebrennikow. Ihre Zusammenarbeit hatte 2017 am Moskauer Bolschoi-Theater Premiere – doch die russischen Behörden verschoben die Uraufführung monatelang, da sie die Darstellung eines HIV-positiven, schwulen Tänzers als problematisch ansahen.
Serebrennikow konnte die russische Premiere 2017 nicht besuchen und wurde später wegen Veruntreuung verurteilt. Während der zweite Akt des Balletts mit eindrucksvollen Soli und großen Ensembleszenen aufwartet, erreicht er nicht ganz die Intensität des ersten. 2023 verbot die russische Regierung die Produktion schließlich unter dem Vorwand der "Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen" und strich sie aus dem Repertoire des Bolschoi. Seither erlebt das Werk am Berliner Staatsballett eine Renaissance – ein Zeichen für die wachsenden Einschränkungen der künstlerischen Freiheit in Russland.
Nurejew bleibt ein kraftvolles, doch umstrittenes Werk: Es feiert einen der größten Tänzer der Geschichte, sieht sich aber in seiner Heimat mit Zensur konfrontiert. Die Wiederbelebung in Berlin unterstreicht den Wandel, dem Künstler wie Possochow gegenüberstehen – sie inszenieren ihre Produktionen heute im Ausland, nicht mehr in Russland.






